Sozialer Ausschluss und Gegenstrategien (1)

Die Institutionen „Verbrechen & Strafe“ und „Schwäche & Fürsorge“

Beschreibung: Der Ausgangs- und stete Bezugspunkt der von Helga Cremer-Schäfer und Heinz Steinert vorgelegten Perspektive beruht auf der Annahme, dass Vergesellschaftung per se auf Politiken der Ausschließung beruht. Diese „bestimmen, wer unter welchen Voraussetzungen und Bedingungen dazu gehören soll oder darf“ (Cremer-Schäfer). So wie jede Vergesellschaftung Zugehörigkeit bestimmt, so setzt sie Ausschließung als jeder Ordnung inhärentes Merkmal voraus. Es ist dabei integraler Bestandteil dieser analytischen Perspektive, dass Inklusion und Exklusion nicht als striktes Gegensatzpaar gefasst, sondern als „widersprüchliche Einheit“ verstanden wird, die es erlaubt, mittels sozialer Ausschließung herrschende Grenzen von Inklusion zu thematisieren und in ihrer ineinandergreifenden Funktionalität zu begreifen. Die Doppelnamen der Institutionen ergeben sich aus dem zentralen Etikett, das die jeweilige Institution Individuen zuschreibt und aus der Herrschaftstechnik, dem Interventionstypus, der damit zur Anwendung gelangt. „Verbrechen & Strafe“ meint also bürokratisch organisierte, legitimierte Ausschließung; „Schwäche & Fürsorge“ soll durch Kriminalisierung und Bestrafung in Gang gesetzte Ausschließungspraktiken abfedern, indem sie Unterstützungswürdigkeit attestiert und damit (selbst-)ermächtigt, organisierte (soziale) Kontrolle ausübt. Insofern stellen fürsorgliche, oder moderner gewendet: sozialarbeiterische und sozialpädagogische Interventionen auch stets „herrschaftlich gewährte ‚Verbesserungen‘ für und von Personen [dar], die aus verschiedenen Gründen nicht machtvoll ausgestoßen“ werden können und letztlich via Verdinglichung die Herstellung eines produktiven Disziplinarindividuums bezwecken.

Vor diesem Hintergrund lässt sich zum eine ganz grundlegend danach fragen, inwiefern sich die Etiketten, Wissensformen und Herrschaftstechniken dieser beiden Institutionenkomplexe in den vergangenen 20 Jahren verändert haben, seitdem die beiden AutorInnen erstmals 1997 diese spezifische Lesart veröffentlicht haben.
Zum anderen aber lohnt es sich u.a. auch darüber nachzudenken, wie die Allianz zwischen „Verbrechen & Strafe“ und „Schwäche & Fürsorge“ aktuell beschrieben werden kann.

Eingangsstatement: Helga Cremer-Schäfer